Liebe-deinen-Nächsten-Gedöns

Radio Vatikan berichtete heute von dem indischen Politiker Mohan Bhagwat, dem Führer der Hindu-Partei RSS. Er hatte im indischen Parlament Mutter Teresa von Kalkutta vorgeworfen, sie habe sich nur deshalb um die Armen gekümmert, damit diese aus Dankbarkeit zum Christentum konvertieren.

Man kann das als vollkommen absurd abtun. Tut man das nicht, dann drängt sich trotzdem eine Frage auf: Warum um alles in der Welt kümmert ihr (Hindus) euch denn nicht selber um eure Armen?
Was hindert den indischen Staat (u.a. also die RSS) daran, ein funktionierendes soziales Netz zu knüpfen, so dass niemand mehr auf der Straße krepieren muss? Dann wären die Schwestern von Mutter Teresa auf einen Schlag arbeitslos.
Etwa 2,5 % der Inder sind Christen. Sie haben 25 % der sozialen Einrichtungen des Landes aufgebaut. (Sie können sie natürlich nicht alleine betreiben. Die meisten Mitarbeiter z.B. bei den Projekten der Caritas sind Hindus.) Das ist in der Tat sehr verdächtig. Vermutlich wirklich eine hinterhältige Art zu missionieren: Zuerst bauen sie Krankenhäuser, Suppenküchen und Schulen und dann übernehmen sie das ganze Land. Das ganze „Liebe-deinen-Nächsten“-Gedöns ist vermutlich in Wahrheit ganz schön aggressiv.
Mal im Ernst: Am Beispiel Indien wird mir deutlich, wie unterschiedlich die Religionen mit derselben Situation umgehen – und was für gravierende Folgen das für die kulturelle Entwicklung ganzer Staaten hat. Wenn das Kastenwesen fester Bestandteil der Kultur ist, dann hat es wenig Sinn, eine Veränderung anzustreben. Bin ich in einer hohen Kaste, habe ich Glück – nein, gutes Karma – in einer niedrigen Kaste muss ich mein Schicksal halt möglichst geduldig ertragen. So oder so: ich komme aus meiner Kaste nicht heraus.
Wenn meine Religion mich dagegen lehrt, dass alle Menschen gleich geschaffen und von Gott gleichermaßen geliebt sind, dann kann ich Ungerechtigkeiten nicht akzeptieren. Wenn ich daran glaube, dass Gott selber Mensch wurde und sich als solcher für die Schwachen und Kleinen eingesetzt hat – auch im Streit mit den kirchlichen Würdenträgern! – dann kann ich mich nicht damit abfinden, dass Menschen unterdrückt werden.
Wenn ich glaube, dass Gott Mensch wurde und mir in jedem Menschen begegnen kann, gerade auch in den Schwachen und Armen, dann kann es auch passieren, dass mich mein Glaube dazu treibt, Menschen zu lieben, sogar solche Menschen, die in einem fernen Land einsam im Rinnstein sterben.
Und – ganz wichtig! – das alles beruht auf Glauben. Ich werde jemanden, der in einem anderen Glauben aufgewachsen ist, nur schwer von meinen Werten überzeugen können. Denn beweisen kann ich ihre Grundlage nicht.

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