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Frag doch mal die Schwester, Teil 22:

„Ich kenne Ehen, die über Seitensprüngen im Fasching zerbrochen sind. Wie ist das bei euch Katholiken: ist im Karneval wirklich alles erlaubt?“

Vielen Dank für diese Frage! Als bekennend rheinisch-katholische Karnevalistin bin ich immer froh, diese Art von Missverständnissen ausräumen zu können.

Uns wurde im Religionsunterricht der zweiten Klasse beigebracht, was Karneval bedeutet (im Rheinland halt): das Wort kommt von „Carne vale“, lateinisch für „Fleisch ade“. Der Karneval, auch Fastnacht oder Fastelovend ist demnach (ursprünglich) die letzte große katholische Party, bevor die Fastenzeit beginnt. Je strenger das Fasten genommen wurde, desto nötiger war es, vorher auch ordentlich zu feiern!

Die allemanische Fastnacht ist etwas anders. Dort geht es mehr um die Wintergeister, die vertrieben werden. Diese Bräuche sind sicherlich wesentlich älter: Karneval ist immer auch ein Frühlingsfest, ein Fest gegen den Tod. (Details bei Wikipedia oder so) Deshalb machen Karnevalisten auch über alles Witze, es gibt keine Tabus. Und die Kölner lassen sich alles nehmen, aber der Rosenmontagszug geht immer. Als Köln nach dem Krieg noch ziemlich in Trümmern lag und die Menschen kaum zu essen hatten, haben sie alle Kräfte mobilisiert, damit 1947 wieder der erste Rosenmontagszug gehen konnte. „Wir leben noch!“

Dazu kommt aber besonders im Rheinland noch ein dritter Aspekt: der Protest gegen die hierarchischen Strukturen. Ich komme aus der Stadt, in der 1824 die Frauen das Recht erstritten, am Straßenkarneval teilnehmen zu können, Beuel. Daraus erstand die heutige Weiberfastnacht, mit der die heiße Phase des Karneval eröffnet wird: die Frauen stürmen die Rathäuser, übernehmen für einen Tag symbolisch die Macht und schneiden den Männern die Schlipse ab. Heute ist das vielleicht nicht mehr so deutlich, aber ursprünglich war das eine echte Revolte! Die Wäscherinnen aus Beuel mussten sich gegen ihre Männer durchsetzen, freiwillig ließen die sie nicht mitfeiern.

Ebenso ist es mit vielen Formen des Karneval: ursprünglich Ausdruck echten Protestes gegen die Obrigkeit, sind sie heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Die Uniformen der Garden waren Parodien u.a. auf die französische Besatzungsmacht. „In der Bütt“ wird besonders gerne über Politiker und Bischöfe gelästert, denn im Karneval sind die Mächtigen für ein paar Tage entthront: das Volk regiert. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind, keiner mehr Angst vor dem Militär hat und man sich auch sonst ganz gut gegen Willkür der Machthaber wehren kann. Keine perfekte Gesellschaft! Aber die Feindbilder haben sich verändert. Und so mutiert ehemals scharfe Parodie inzwischen zu Folklore, und was früher ein geordneter 5-Tage-Aufstand des Volkes gegen die Unterdrückung der Obrigkeit war, verkommt jetzt in Ermangelung eines Despoten zum massenhaften Besäufnis.

Ist damit die Frage beantwortet? Ich meine, wenn wir uns ansehen, was Karneval eigentlich ist – Party vor dem Fasten, Frühlingsundlebensfreudefest, Protest gegen zu strenge Hierarchien – dann ist auch klar, was er NICHT ist. Karneval ist – jedenfalls in seiner ursprünglichen, katholischen Form – kein sinnloses Besäufnis und nicht die Gelegenheit, endlich einmal alle Hemmungen fallen zu lassen. Katholiken feiern nicht, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie feiern Karneval, weil es ein Morgen gibt: den Aschermittwoch, an dem alles Feiern vorbei ist und die Vorbereitung auf Ostern anfängt.

2 Kommentare

  1. Christian sagt:

    Endlich verstehe ich das mal. Bei uns in Bayern wird viel am Besäufniss festgehalten. Schade dass wir den Sinn nicht mehr verstehen. Es ist eine schöne Tradition. Und das sage ich als katholischer Faschingsmuffel.

  2. Freut mich, dass ich da was erhellen konnte. 🙂 Ich wünsche noch ein letztes „Helau“ von Karnevalsjeck zu Faschingsmuffel, bevor morgen alles vorbei ist – und neu beginnt!

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