Ich brauche… ein Schloss an der Tür

Was auch immer ganz genau in Clausnitz passiert ist, am Ende bleiben 20 verängstigte Menschen, die sich nicht mehr vor die Tür trauen, weil sie wissen, dass „das Volk“ draußen ihnen nicht wohlgesonnen ist.

Die syrische Familie, die inzwischen in unserem Kloster lebt, erzählte uns, dass in ihrer Heimatstadt täglich Bomben fallen. Sie haben alles zurückgelassen, allen Besitz, Freunde, Verwandte. Sie haben die Flucht gewagt – nur aus einem Grund: sie wollten in Sicherheit leben.

Ich weiß nicht, woher die Clausnitzer Flüchtlinge kommen, aber auch sie sind nicht zum Spaß hier. Auch sie haben viel zurückgelassen – das tut niemand ohne Not. Auch sie möchten in Sicherheit leben. Das will jeder Mensch.

Nein, wir können nicht die ganze Welt retten. Ja, es ist alles furchtbar schwierig und kompliziert und wie soll das mit der Integration gehen und überhaupt… Alles richtig. Ich kann die Ängste verstehen.

Aber dass 20 Menschen auf der Suche nach Hilfe – darunter Frauen und Kinder – mehrere Stunden lang von der Polizei vor dem Mob geschützt werden müssen, nur weil sie nicht deutsch sind, das erinnert mich an eine Zeit unserer Geschichte, von der ich gehofft hatte, sie käme nie wieder. Der Pöbel skandiert „Wir sind das Volk“ und besudelt damit eine Parole, die einst eine Diktatur in die Knie gezwungen und der Demokratie eine Sternstunde beschert hat. Jetzt sollten sie den Schafspelz ablegen und „Ausländer raus“ oder „Deutschland den Deutschen“ grölen, das wäre wenigstens ehrlich.

Haben wir Männern, Frauen und Kindern, die das uns allen vertraute, fundamentale Bedürfnis nach Sicherheit stillen wollen, nicht mehr zu bieten als ein Haus, in dem sie sich vor uns schützen können?

 

8 Comments


  • Wäre in diesem Zusammenhang vielleicht die Frage nützlich: „Wozu brauche, wozu gebrauche ich das Schloss an meiner Türe?“ Ein solches kann nämlich sehr nützlich, ja notwendig sein, aber genauso missbräuchlich, gegen den Willen Gottes verwendet werden.

      • Mit einem Schloss kann ich Menschen fernhalten, die meiner Hilfe bedürften. Mit einen Schloss kann ich mich abkapseln, wo ich für andere offen sein sollte. Mit einem Schloss kann ich das Gespräch verweigern, wo andere mich nach dem Grund meiner Hoffnung fragen. Und mit einem offenen Schloss kann ich anderen jenen Schutz verweigern, den sie dringend nötig haben. Diese Liste könnte beliebig verlängert werden. Vielleicht könnte man sagen, ein Schloss muss mit Liebe bedient werden , sonst kann es zur Sünde werden.

        • Barbara Offermann

          Jetzt verstehe ich und stimme zu. Ich hatte nicht direkt geschaltet, weil der Artikel ja in eine etwas andere Richtung zielt. Jeder Mensch hat ein natürliches, tiefes Bedürfnis nach Sicherheit. Das ist in Ordnung und gut so. Ich darf mich schützen. Ich darf mir wünschen, meine Tür abschließen zu können. Wenn ich mich dann sicher genug fühle, schaffe ich es auch, die Tür wieder zu öffnen.

  • Mir wurde im November das Haustor aufgebrochen und ein neues Schloss eingesetzt. Ich bekam zwar einen Schlüssel, aber ein Fremder Mensch auch, der nun mit Freundin und Besuchern ein und aus geht. Mein Sicherheitsbedürfnis ist damit im Grunde erschüttert. Ich hatte keine Möglichkeit, diesen Fremden aus dem Haus zu weisen. Will nur heißen: Nicht nur Flüchtlingen gegenüber verletzen manche Mitbürger (oder sogar Verwandte!) das Sicherheitsgefühl. Ich kann die Ängste der Flüchtlinge wirklich auch sehr gut verstehen. Es sind schwierige Zeiten, auf die wir zusteuern…

  • Vielleicht sollte man, ohne das Verhalten der Schreihälse vor dem Bus
    damit entschuldigen zu wollen, auch noch erwähnen, wie sich einige der
    Businsassen verhalten haben: Eine Frau spuckte, wie im Video zu sehen,
    in Richtung der Demonstranten von innen gegen die Frontscheibe,
    und ein etwa 12-jähriger Junge machte gegenüber den Demonstranten
    ein unmissverständliches Zeichen mit seiner Hand am Hals:
    euch soll der Kopf abgeschnitten werden.

    http://kreuzknappe.blogspot.de/2016/02/komplizierter-als-gedacht-auch.html

    • Barbara Offermann

      Es ist relativ früh berichtet worden, dass einige der Flüchtlinge zur Eskalation beigetragen hätten. Genauer gesagt drei. Es ist dieser Jugendliche, der den Bus nicht verlassen wollte und schließlich so grob von der Polizei rausgeschleppt wurde. Ich kann das nur schwer verstehen, deshalb versuche ich gar nicht erst, es zu erklären oder zu verteidigen. Wie gesagt: „Was auch immer ganz genau in Clausnitz passiert ist…“
      Klar ist nur: bevor die Situation eskaliert ist, hat sie sich über einen längeren Zeitraum hin zugespitzt. Klar ist: An die 100 Menschen haben den Bus mit 20 Flüchtlingen blockiert und zwei Stunden lang nicht weiterfahren lassen – bevor einer der Insassen irgendetwas Provozierendes getan hatte. Und vor allem sollte uns klar sein, dass wir nur ein Video haben, dass ein paar Sekunden lang ist und aus der Menge heraus gefilmt wurde. Was kann uns dieser Schnipsel wirklich über die zweistündige Szene sagen?

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