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Frag doch mal die Schwester, Teil 24:

„Für mich gibt es nur den einen Gott. Wozu sollte dann jeder auf seinem beharren und nicht anderen Menschen zuhören, in denen Gott genauso wohnt und aus deren Schriften er genauso spricht?“

Diese Frage hat mich fast umgehauen. Ich kenne eine Menge Leute, die schon die Frage für gotteslästerlich halten und vermutlich gerade Schnappatmung bekommen. Aber ich kenne auch die anderen, die sich diese Frage eben tatsächlich stellen und nicht begreifen können, worüber sich Gläubige verschiedener Religionen eigentlich so heftig streiten.

Besonders klasse finde ich an der Frage den Ausgangspunkt: Ich glaube an einen Gott. Mir ist nicht alles egal. Ich bin auch nicht unsicher. Ich lehne Gott oder die Suche nach ihm nicht ab. Nein: ich bin ein gläubiger Mensch, und als solcher glaube ich, dass es nur einen Gott gibt.

Diese Ansicht teilt über die Hälfte der Weltbevölkerung: ca. 2,3 Mrd. Christen, ca. 1,7 Mrd. Moslems und ca. 15 Mio Juden (Zahlen von 2015 welt bzw. 2010 Wikipedia). Die anderen sind naturgemäß anderer Meinung: sie glauben an mehrere Götter (z.B. etwa 940 Mio Hindus) oder daran, dass es nichts Transzendentes gibt , sie leben nach Philosophien ohne Gott (z.B. etwa 460 Mio Buddhisten), sind unsicher oder es ist ihnen egal.

Aber diejenigen, die einer monotheistischen Religion anhängen, die müssten den ersten Satz unterschreiben können: „Für mich gibt es nur den einen Gott.“ Sie könnten auch sagen: „Ich glaube an den einen Gott“ oder von mir aus „Es gibt nur einen Gott“ – wobei das für Andersgläubige natürlich schon wieder etwas schwierig wäre. Wichtig ist aber, was passiert, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, die beide diesen Satz sprechen, aber für Gott andere Namen haben. Sie glauben beide, dass es nur einen Gott gibt, aber sie haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie dieser Gott ist und wie er sich zum Menschen verhält. Diese Vorstellungen haben sie aus ihren heiligen Schriften und aus anderen göttlichen Offenbarungen im Laufe der Jahrhunderte. Dann kommen wir zum zweiten Teil unserer Frage: wieso sollten wir dann auf unserer Sicht beharren?

Wenn es wirklich nur den einen Gott gibt, muss „mein“ Gott dann nicht derselbe sein wie der meines Gesprächspartners, auch wenn er ihm einen anderen Namen gibt?

Wenn es wirklich nur den einen Gott gibt, betet mein Gegenüber dann nicht auch zu „meinem“ Gott – auch wenn er dabei Worte wählt, die mir fremd sind?

Wenn es wirklich nur den einen Gott gibt, verehrt mein Nachbar dann nicht denselben Gott, auch wenn er sich Vorstellungen von ihm macht, die ich nicht nachvollziehen kann?

Es liegt mir fern, jemanden zur Aufgabe oder zur Relativierung seines Glaubens drängen zu wollen! Aber wenn ich wirklich fest in meinem Glauben stehe, dann müsste ich in der Lage sein, demjenigen zuzuhören, der einen anderen Glauben hat. Ich bin überzeugt, dass die Welt nur dann Frieden finden und voran kommen kann, wenn wir lernen, uns innerhalb unserer Glaubensgemeinschaften in unseren Idealen zu bestärken und gleichzeitig nach außen offen sind, das Wahre und Gute an anderen Überzeugungen wahrzunehmen. Das ist in etwa auch der Gedanke eines kurzen, aber wichtigen Dokumentes des Zweiten Vatikanischen Konzils, „Nostra aetate„. Ursprünglich als Text gegen den Antisemitismus gedacht, wurde es schließlich ein bemerkenswertes Statement über die moderne Haltung der katholischen Kirche zu allen anderen Religionen: Natürlich wollen wir unseren Glauben verkünden, dazu hat Jesus uns aufgefordert. Aber wir achten und ehren andere Gläubige und lehnen nichts ab, was in ihren Religionen „wahr und heilig“ ist. „Jegliche Form von Diskriminierung“ und Gewalt gegen einen Menschen wegen seiner Religion ist „gegen den Geist Christi“ und geht gar nicht, deshalb wollen wir soweit es an uns liegt, „mit allen Menschen Frieden halten“. Dieser Text ist jetzt 50 Jahre alt und war eine wirkliche Neuerung in der katholischen Lehre.

Um noch einmal auf die Frage zurückzukommen: die katholische Kirche würde nicht sagen, dass Gott aus den anderen heiligen Schriften „genauso“ spricht. Und ich persönlich finde auch, dass die Bibel Wahrheiten enthält, die keine andere heilige Schrift toppen kann. Das darf ich auch glauben, solange ich die Bibel niemandem um die Ohren haue. Ich kann ja auch aushalten, dass Moslems und Juden den Koran, bzw. die Thora für wesentlich erleuchteter halten – solange sie ihrerseits nicht aggressiv missionieren. Nein, in welcher heiligen Schrift Gott am klarsten spricht, das ist noch nicht ausgemacht.

Ganz sicher aber hat Gott jeden von uns erschaffen und will deshalb in jedem Menschen wohnen – in jedem gleichermaßen.

Bildquelle: http://www.derislam.at/deradmin/images/gemischt/dalai%20lama.jpg

2 Kommentare

  1. „Für mich gibt es nur den einen Gott“ oder „Es gibt nur einen Gott“ – da liegen Welten dazwischen. Jemand nimmt sich das Recht, ausschließlich zu seinem einen Gott zu stehen. Der Andere weiß fix die „Wahrheit“, dass es nämlich überhaupt nur EINEN Gott gibt. Wer nicht an ihn glaubt, ist auf dem Holzweg. Das ergibt eine Skala von 1 zu sovielen, wie es Menschen gibt, die an einen wichtigsten, richtigsten, wahrsten Gott glauben. Und die, die an überhaupt keinen oder mehrere bis viele Götter glauben? Die sind dann sowieso auf dem Überdrüberholzweg. Was sagt mir das? Am besten Religion zur absoluten Privatsache machen, losgelöst von allen anderen Gesellschaftsbereichen???? Geht nicht. Was dann? Friedliche Koexistenz und das betonen der positiven Gemeinsamkeiten der Glaubensgemeinschaften. Damit könnte ich gut leben…

    • In der Tat: ein gewaltiger Unterschied. Aber ich glaube, entscheidend ist nicht so sehr, ob ich glaube „die“ (einzige) Wahrheit erkannt zu haben, sondern ob ich es aushalten kann, wenn jemand etwas anderes glaubt oder sich einfach überhaupt nicht für die Suche nach Wahrheit interessiert. Dieses zweite ist für mich persönlich nicht immer ganz einfach.

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