Erwartungen

Keine Sorge: dies wird kein Artikel über Fussball – oder jedenfalls nur ein bisschen.

Vor Beginn der EM fragte die Rheinische Post bei mir an, ob ich bei ihrem Tipp-Spiel mitmachen würde. Ich habe eigentlich nicht wirklich Ahnung von Fussball, aber die Vorstellung fand ich lustig, und so habe ich zugesagt.

Jetzt bin ich also in einer Fünfer-Tippgemeinschaft, die täglich öffentlich vorherzusagen versucht, wie die Spiele der EM ausgehen werden. Und – was mir nicht ganz klar war – unsere Erfolgsquoten werden verglichen. Wie gesagt: so richtig viel Ahnung habe ich nicht, und so habe ich am Anfang ein paar Tipps abgegeben, die alle Kenner nur den Kopf schütteln ließen. 2:0 für Italien! Mein Chef sah das und sagte spontan: „Da haben sie sich geirrt, Belgien ist besser.“ Ich hatte einfach keine Ahnung, dass die Belgier die Favoriten waren und der Fußballglanz der Italiener längst verblasst war. Das war mir dann schon ein bisschen peinlich.

Und dann?

Dann kam das Spiel, und es stellte sich heraus, dass die Italiener auch nicht so genau wussten, wer der Favorit ist. Sie fanden, ihr Glanz sei noch lange nicht verblasst und gewannen 2:0!

Und so läuft die ganze EM: ständig geraten die Kommentatoren aus der Fassung, weil immer wieder irgendein kleiner Außenseiter einfach nicht verlieren will und ein großer Favorit einfach grottenschlecht spielt (und ich nenne jetzt mal keine Namen).

Mir macht das riesigen Spaß, nicht nur, weil dadurch unser Tipp-Spiel an Ernst verliert und zur reinen Kaffeesatzleserei wird. Vor allem lässt es mich darüber nachdenken, dass wir uns nicht zu sehr einschränken lassen sollten von den Erwartungen, die in uns gesetzt werden.

Alle wissen genau, dass du erstklassige Leistungen bringen wirst? Lass dich nicht unter Druck setzen! Ehrgeiz ist gut, und manchmal braucht man etwas Anschub, aber es gibt einen Punkt, wo der Druck zu groß wird.

Alle halten dich für einen Verlierer? In dir steckt viel mehr! Mehr als du manchmal zeigen kannst, vielleicht sogar mehr, als du dir selber zutraust.

Ich jedenfalls werde noch lange daran denken, wieviel Kraft in diesen kleinen Mannschaften steckt, die einfach „keinen Respekt“ (so ein Kommentator) vor ihren angeblich so übermächtigen Gegnern haben. Auf mich und mein Leben übertragen heißt das doch: keine Angst vor großen Tieren, vor großen Aufgaben, vor ungewöhnlichen Begegnungen. Manchmal ist es schon ein Sieg, wenn man sich der Situation überhaupt stellt.

Und vielleicht sollte man noch ergänzen, wie hilfreich die Fans sind, die ihre Mannschaft bejubeln, einfach nur dafür, dass sie da sind. Gerade die Kleinen waren und sind einfach begeistert dabei zu sein, die Nordiren, die Isländer, die Albaner… Feiern ein Unentschieden wie einen Sieg. Aber natürlich haben nicht alle Menschen einen Fanclub. Außerdem sind Fans wankelmütig. Aber jeder hat mindestens einen, der unerschütterlich an ihn glaubt. Wenn alle mich verkennen und keiner versteht, was ich gemeint habe oder was ich könnte, wenn ich dürfte – mein Schöpfer sieht mich mit meinem ganzen Potential. Er jubelt über mich und mein Leben, auch wenn es nicht zum Sieg reicht.

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