Demokratie üben

Heute hatten wir im Kinderdorf unsere Kinder- und Jugendlichenvollversammlung. Wir vom Kidorat (fünf Jugendliche, drei Erzieher und eine Schwester) hatten sie organisiert. Es waren über 70 Kinder und Jugendliche gekommen. Wir haben einen Überblick darüber gegeben, was wir in unserer zweijährigen Amtszeit geschafft haben – und welche Projekte nicht geklappt haben. Unser Gastredner, der Kinderdorfleiter, hat erklärt, was Partizipation ist. Ganz im Ernst: er hat uns sogar gefragt, ob er die ganze Zeit dabei sein darf, denn es sei ja unsere Versammlung. Das fand ich ziemlich korrekt, aber natürlich hatte niemand vom Kidorat was dagegen.

Zum Schluss haben wir noch erklärt, wie die nächste Wahl ablaufen wird. Wer darf in den Kidorat? Wer darf wählen? Wann wird gewählt? Was mache ich, wenn ich am Wahltag nicht kann? (Bei uns gibt es die Möglichkeit zur Briefwahl, jawohl!) Wir haben die ersten Wahlplakate ausgeteilt, die die Jugendlichen gestalten können, die für den nächsten Kidorat kandidieren möchten. Und wir haben Zettel verteilt, auf denen die Kids Vorschläge für die Vertrauenserzieher machen können. Daraus wird die Kandidatenliste für die erwachsenen Kidoratmitglieder. (Nur die Schwester wird nicht gewählt sondern berufen.)

Ich finde den Kidorat und diese Versammlung toll. Wir üben mit den Kids Demokratie. Wie finde ich Vertreter in meiner Gemeinschaft, die meine Anliegen umsetzen? Oder kann ich vielleicht selber Stellvertreter für andere sein? Ich will etwas tun – und scheitere manchmal ganz schnell an den Realitäten. Aufstehen, weitermachen, denn die anderen erwarten immer noch, dass ich mich für sie einsetze.

Als ich schon fast wieder im Büro bin, läuft mir Lena* über den Weg. Sie hopst auf mich zu und ruft fröhlich: „Ich fülle auch so ein Wahlplakat aus!“ Das freut mich natürlich, aber ich frage trotzdem: „Wie alt bist du denn?“ „Elf, und ich werde bald Zwölf!“ „Und was möchtest du erreichen, wenn du im Kidorat bist?“ „Dass die Erwachsenen sich endlich an die Regeln halten!“ (Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass sie die Besucher meint, die das Rauchverbot auf dem Kinderdorfgelände missachten.) Lena ist empört: „Neulich hat einer eine Zigarette einfach auf die Erde geworfen und liegen lassen! Und manchmal macht jemand Knoten in die Seilbahn, und die Rutsche ist manchmal bemalt. Das will ich nicht. Ich mag nämlich mein Kinderdorf. Ich will, dass es hier sauber ist!“

Wir hatten schon Kandidaten mit schwächeren Wahlprogrammen. Ich bin gespannt, ob Lena gewählt wird.

*Name geändert, wie immer bei unseren Kinderdorf-Kids

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