Wahllokal im Kinderdorf
16. September 2016
Sister on tour
9. Oktober 2016

Kinder.Kunst.Festival Bethanien Kinder- und Jugenddorf Schwalmtal, 15.06.2015 (c) Team Uwe Nölke | Fotografie & Film für Menschen & Unternehmen, D-61476 Kronberg, Brunnenweg 21, Tel +49 6173 32 14 13, look@team-uwe-noelke.de, www.team-uwe-noelke.de

Ja, ich weiß: „Genderwahn“ ist ein böses Wort und wird von Menschen benutzt, die böse Sachen sagen wollen. Deshalb zur Klarstellung vorneweg: ich will nichts Böses sagen! Ich will hier auch in keine Schublade springen und vertrete niemand anderes Meinung, nur meine eigene! Aber ich brauche jetzt mal eben dieses Wort, denn ich weiß nicht, wie ich sonst benennen soll, was ich heute gehört habe. Ich erzähl einfach mal (eine wahre Geschichte!):

Da sind drei Geschwister, zwei Jungen und ein Mädchen. Die Jüngste, nennen wir sie mal Petra, eifert ihren großen Brüdern nach, spielt mit ihnen Fußball, klettert mit ihnen auf Bäume, trägt lieber Hosen als Röcke, wäre am liebsten auch ein Junge. Soweit, so gut.

Enid-Blyton-Leser denken unweigerlich an „George“ aus „Fünf Freunde“, die eigentlich „Georgina“ heißt aber auf gar keinen Fall so genannt werden will. (Also, wir haben das noch gelesen, heute gibt es das wohl vor allem auf CD und im Fernsehen, aber Georgina wäre immer noch am liebsten ein Junge.) Warum auch nicht? Wir haben uns damals jedenfalls nicht viel dabei gedacht, und ich bezweifle, dass die Geschichten umgeschrieben worden sind und irgendwelche Anspielungen enthalten: George entspricht einfach nicht dem Klischee des zarten und lieblichen Mädchens. Fertig.

Zurück zur kleinen Petra. Die ist 9 oder 10 Jahre alt. Und ihre Eltern nehmen ihren Wunsch, ein Junge zu sein, ernst. Zudem wissen wir ja heute, dass das Geschlecht nur von der Gesellschaft zugeschrieben wird, dass es eigentlich keine Geschlechter gibt, dass sie nur von uns „definiert“ werden. Also: wenn Petra kein Mädchen sein will, dann muss sie kein Mädchen sein. Und die Eltern verhelfen ihr zu einer Hormontherapie und melden in der fünften Klasse ihren dritten Sohn „Peter“ an.

Jetzt frage ich mich (und Euch/Sie): ist das normal?

Ich meine:

  • Wenn Petra im Verlauf ihrer Pubertät zu der Überzeugung kommt, dass ihr kindliches Empfinden auch im Erwachsenenalter bestehen bleiben wird, und dass sie sich nicht nur etwas unkonventionell verhält und kleidet, sondern dass sie im „falschen“ Körper geboren wurde, ist dann nicht immer noch Zeit für eine Operation und eine Hormontherapie nach der Schule?
  • Kann ein Kind vor der Pubertät überhaupt ernsthaft beurteilen, welchem Geschlecht es angehören will (mal vorausgesetzt, wir könnten uns das wirklich aussuchen)?
  • Haben die Eltern, die die Tragweite einer Geschlechtsumwandlung eindeutig besser beurteilen können als eine 10jährige, wirklich das Recht, derart massiv über den Körper ihrer Kinder zu verfügen?
  • Welcher Arzt macht das mit?
  • Und wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der eine Geschlechtsumwandlung als ähnlich harmlos angesehen wird wie das Anlegen abstehender Ohren?

Nein, ich will das nicht. Ich finde das Wahnsinn. Ich will, dass eine Petra, die entdeckt, dass sie homo-, bi-, trans- oder intersexuell ist, damit in unserer Gesellschaft gut klar kommen kann, dass sie sich nicht ausgegrenzt fühlen muss, sondern die gleichen Chancen wie alle anderen hat und Freunde, die sich nicht um ihre sexuelle Orientierung scheren. Aber ich will nicht, dass sich schon bei Neun- und Zehnjährigen alles um Sex dreht – als gäbe es für den Menschen nichts Wichtigeres als die Reproduktion! Und ich will auch nicht, dass wir beliebig über unseren Körper verfügen können, selbst wenn das immer einfacher wird…

 

4 Kommentare

  1. Es hat ja nicht nur mit Sex zu tun. Ansonsten stimme ich Ihnen zu. Ich denke auch, dass man mit Umwandlungen warten sollte, bis die Betroffenen in der Pubertät sind.

    • Ja, das dachte ich beim Schreiben auch. Aber ich wusste in dem Moment selber nicht, womit es dann zu tun hat. Geht es nicht doch um Rollenstereotype? „Wenn meine Tochter lieber Fußball spielt, als ihre Puppen zu frisieren, dann muss sie wohl eigentlich ein Junge sein.“ Ist das nicht das Gegenteil von dem, was diejenigen wollen, die gegen eine Festlegung auf ein Geschlecht kämpfen?

  2. Daniela sagt:

    Für den Anfang wäre es – meiner Meinung nach – einfach schon ein Meilenstein, wenn wir die Schubladengeschichte von geschlechtsspezifischen Rollen vielleicht ein bisschen dahingehend variieren, daß Paula mit Kurzhaarschnitt genauso Motocrossprofi werden kann wie Paul auch. Ohne dass wir ihr absprechen, so keine Paula sein zu können.
    Und Peter genauso in den Nähkurs gehen und Tagesvater werden lassen, wie Petra auch – ohne das als unmännlich oder potentiell prädestinierter für sexuellen Mißbrauch zu halten wie bei ihr.

    Vielleicht wäre das dann für betroffene Menschen egal welchen Alters auch leichter, sich Zeit für so eine schwerwiegende Entscheidung wie Hormontherapie oder OPs zu nehmen – oder auch so zu bleiben, wie sie sind.

    Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe erwachsener Menschen mit Intersexualität, die im Kindesalter wohlmeinend verstümmelt worden sind, um ihnen Identitätsprobleme ersparen zu wollen.
    Tatsache ist, daß das nicht immer geklappt hat und manche von ihnen sich so wohl in ihrer Haut fühlen, daß sie sich vehement dagegen wehren, entweder – oder sein zu müssen.

    Ich glaube, daß der einzige, der da etwas an Eingriff erbitten kann, nur der Betroffene selber sein darf und das geht am Besten, wenn kein Druck zu irgendwas spürbar ist.
    Vornamen, die beide Geschlechter zulassen, gibt es ja auch.

    Und ansonsten ist die embryonale Entwicklung der Geschlechtsorgane ein wunderschönes Bild für die Vielfalt des Schöpfergottes:
    Zum Einen sind sich Männlein und Weiblein im Werden ähnlicher, als das manchem recht sein dürfte – und zum anderen handelt es sich dabei um die beiden jeweilig möglichen Extreme derselben Sache, die in unendlich vielen Facetten möglich ist.

    Und ohne das Leid von Betroffenen schmälern zu wollen: Ich gehe davon aus, dass wir auch unseren Verstand bekommen haben, um damit zu lernen, daß die Wahrheit nicht so eindimensional ist wie wir sie uns vorstellen.

Kommentar verfassen