Alles Spinner

Neulich habe ich mich auf einer größeren Familienfeier mit einem jungen Mann unterhalten, 17 Jahre alt, bekennender Atheist. Er erzählte verwundert von Menschen, die nach Tibet fahren, um dort zu meditieren. Da eines unserer Themen seit langem ist, ob es vielleicht so etwas wie eine Seele oder eine andere Dimension geben könnte, war ich daran natürlich interessiert, und wir unterhielten uns eine Weile darüber, was diese Menschen wohl suchen könnten.

Plötzlich schaltete sich eine meiner Tanten in das Gespräch ein. Sie fand, das sei alles Quatsch, im Grunde seien die doch alle nur mit ihrem Leben unzufrieden, weil sie nicht erfolgreich genug seien. Ich fand, man könne auch ohne Reichtümer zufrieden sein, aber sie sagte, das seien Menschen nur, wenn sie nichts anderes kennengelernt hätten.

Das konnte ich nicht bestätigen. Ich sagte: „Es gibt auch Menschen, die ein gutes Leben mit Besitz oder sogar Reichtum kennen aber dann freiwillig darauf verzichten.“ Da antwortete sie: „Ach was, das sind doch alles Spinner!“

Sie hatte Aussteiger und Hippies vor Augen, vielleicht auch die indischen Säulensteher und Asketen, das war klar. Als ich darauf hinwies, dass der Verzicht auf weltlichen Reichtum im Prinzip auch für alle Ordensleute gilt, war sie schon ein wenig verunsichert. Wir haben das dann auch nicht vertieft.

Nun bin ich von den indischen Asketen weit entfernt und unsere Gemeinschaft lebt nicht wirklich arm, aber wir verzichten natürlich schon auf einiges, das wir haben könnten. Es ist ja auch immer eine Frage, mit wem man sich vergleicht. Deshalb bleibt für mich die Aussage stehen: Alles Spinner!

Gerade war bei uns Firmung. Etwa 100 Jugendliche unserer Pfarrei haben feierlich bekannt, dass sie als Christen leben wollen. Deshalb müssen sie nicht wie Ordensleute leben, aber wenn sie ihr Christsein ernst nehmen, werden auch sie sich freiwillig einschränken und nicht alles tun, was sie tun könnten. Manchmal wird man sie deshalb als Spinner bezeichnen, so wie es Jesus Christus selbst ergangen ist und seinen Freunden seit 2.000 Jahren ergeht. Ich hoffe und wünsche ihnen, dass sie sich davon nicht verunsichern lassen, denn oft sind solche Beschimpfungen einfach nur unreflektierter Blödsinn. Mit der Bemerkung meiner Tante muss ich mich nicht länger auseinander setzen. Die Fragen des jungen Mannes finde ich dagegen richtig spannend. Auf die lasse ich mich gerne ein, auch wenn sie nicht unbedingt bequem sind.

Bild: Philipp_Wiebe@pixelio.de

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