Adventstour mit Vergangenheit

„Kennst du mich noch?“ Der junge Mann neben mir sieht mich freundlich an und – wie mir scheint – hoffnungsvoll. Es ist mir etwas peinlich: „Tut mir leid, aber…“ Ich habe keinen blassen Schimmer, wer das sein könnte! „Ich bin’s, Dennis*.“ Dennis? Doch nicht der Dennis? Jetzt erkenne ich ihn. Wie lange ist das her?

Ich kenne ihn und seinen Bruder aus dem Kinderdorf. Dennis war neun, als er zu uns kam, und für eine kurze Zeit war ich für ihn das, was wir heute eine „Bezugserzieherin“ nennen. Das Wort gab es damals noch nicht, aber ich war in besonderer Weise für diese Jungs zuständig und dementsprechend hatten wir auch eine intensive Beziehung.

Dann bin ich in den Orden eingetreten und habe dadurch alle unsere Pläne durcheinander gebracht. Zuerst dachte ich noch, ich würde nach dem Noviziat doch noch eine Kinderdorffamilie bekommen, aber dann brauchte mich die Gemeinschaft an anderer Stelle dringender. So habe ich Dennis und die anderen aus den Augen verloren. Jetzt sitzt er plötzlich neben mir, ein freundlicher junger Mann, der an den Schläfen schon leicht grau wird. Wenn er lächelt (und das tut er oft) kann ich das Kind ahnen, das ich kannte. Wir gehen spazieren, unterhalten uns. Er erzählt mir, wie es ihm in den Jahren ergangen ist. Wir verabschieden uns herzlich.

Plötzlich lässt mich ein Gedanke nicht mehr los: Mein Leben, wie es hätte sein können.

Was wäre gewesen, wenn ich damals nicht ins Kloster gegangen wäre? Dann wäre ich Kinderdorfmutter geworden. Und dann? Mmh…

Ich glaube, dass eine solche Frage zunächst mal normal ist, vor allem in der Lebensmitte. Aber sie führt eigentlich nicht weiter. Wir alle stellen im Laufe unseres Lebens hin und wieder Weichen, oder andere stellen sie für uns. Sind wir einmal darüber hinweg und gehen unseren Weg weiter, können wir die Entscheidungen meist nicht rückgängig machen. Dennis ist erwachsen, und ich bin längst zu alt, um noch einmal im Kinderdorf einzusteigen. Also ist der Blick zurück nur mäßig sinnvoll. Viel wichtiger ist die Frage: bin ich zufrieden mit dem, was ich jetzt habe, bin und tue? Wenn ich es nicht bin, woran liegt das und was kann ich dagegen tun?

Die Vergangenheit kann ich jedenfalls nicht mehr ändern, gut dass ich mich mit meiner ausgesöhnt habe.

*Name geändert

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