Sister auf der Suche nach wahrer Größe

Ehrlich gesagt: ich bin verwirrt.

In Berlin gibt es seit 2005 das sogenannte Neutralitätsgesetz, dass es Lehrern, Polizisten und Justizangestellten verbietet, im Dienst religiöse Symbole zu tragen. Find ich nicht gut, ist aber soweit noch klar.

Da das Ziel die Neutralität ist, gilt das Gesetz gleichermaßen für die jüdische Kippa, das muslimische Kopftuch und das christliche Kreuz. Alle drei verboten. Find ich – wie gesagt – ziemlich übel, ist aber immer noch klar.

Dementsprechend wurde eine muslimische Lehramtsbewerberin nicht zugelassen und jetzt ganz aktuell musste eine evangelische Lehrerin ihre Kreuzkette abnehmen. Find ich – vielleicht erwähnte ich es schon – völlig bescheuert, und jetzt ist es auch mit der Klarheit vorbei. Denn das Gesetz erlaubt ausdrücklich das Tragen von Schmuck. Das Kreuz der Lehrerin aber war – so berichtet die Berliner Zeitung – „auffällig groß“. Für die Zeitung ergibt sich daraus die Frage: „Aber ab wie viel Zentimeter Länge ist ein Kruzifix noch ein Schmuckstück, ab wann ein vornehmlich religiöses Symbol?“

Ja, und diese Frage, die verwirrt mich.

Ich habe extra ein Selfie gemacht, damit ihr das Kreuz sehen könnt, dass ich trage, wenn ich in Zivil bin. Und dazu eine junge Dame, die ich im Internet gefunden habe, die ein etwas größeres Kreuz zu tragen hat. Vielleicht sollte man beide Bilder mal der Berliner Zeitung einschicken. Dann dürfen sie dreimal raten, welches der beiden Kreuze ein religiöses Symbol ist und welches nur Schmuck.

Der besondere Clou an der Geschichte ist einerseits die aktuelle Fortsetzung: die Lehrerin hat dann einen Fischanhänger getragen, der sofort als „Ichthys“, das geheime Erkennungszeichen der antiken Christen, identifiziert wurde. Die Schulaufsicht (!) wurde eingeschaltet, zeigte sich „alarmiert“ und kam dann zu dem beeindruckenden Fazit: „Wenn es ein religiöses Symbol ist, muss es abgenommen werden“. Tja, wenn.

Wäre ich diese Lehrerin, würde ich den Ichthys zu einem Symbol für den BUND oder den WWF erklären. Ich bin halt tierlieb, wollte immer schon einen Fisch haben, hab aber ne Wasserallergie – oder so ähnlich.

Wenn es ein religiöses Symbol ist, muss es weg??? Und wenn die Bildungssenatorin hysterisch wird (Stichwort „auffallend großes Kreuz“)? Muss sie dann nicht vielleicht auch, bitte, gehen?

Die muslimische Lehramtsanwärterin hat übrigens eine Entschädigung zugesprochen bekommen. Das ganze Neutralitätsgesetz ist nämlich verfassungswidrig. Aber das nur am Rande.

 

 

5 Comments


  • Danke für diese Informationen. Ich selber habe mir überlegt, was ich tragen könnte, nach dem ich von der Katholischen Kirche ausgetreten bin, und dachte auch an einen Fisch. Christlich bin ich ja trotzdem. Zumindest Christlch erzogen und sozialisiert… Und ja, das wäre ein religiöses Symbol gewesen. Das Kreuz wollte ich nicht mehr so gerne tragen, da es an diese schreckliche Folter erinnert. Immer. Also unabhängig von der Religion, fand ich es plötzlich heuer zu Ostern schade, dass man den scheußlichen Mord als Symbol für diese Glaubensgemeinschaft wählt, und nicht etwas Positives, wie den Fisch, von dem Wunder der Essensvermehrung und dem Zeichen für die geistliche Nahrung. Oder eine Taube für den Heiligen Geist… Es geht mir so viel durch den Kopf… Menschen im öffentlichen Dienst Zeichen ihres Glaubens zu verbieten ist ein starkes Signal… Gibt es aber wirkliche Neutralität??? Macht es einen Unterschied, von einer Christin unterrichtet zu werden, oder von einer Muslima? Oder von einer Agnostikerin oder Atheistin???? Und ist es gut, wichtig, richtig, wenn ich weiß, woran Lehrer glauben, oder ob sie überhaupt etwas glauben… Ich bin froh, dass ich nicht zu allem eine Meinung haben muss… Manchmal hab ich einfach eine unendliche Sehnsucht nach weniger Komplexität…

    • Barbara Offermann

      Liebe Monika, danke für diesen Kommentar! So viele Gedanken und Anregungen sind darin… Zunächst mal: ich finde es schon wichtig zu wissen, was die Überzeugungen meiner Lehrer sind, denn sie prägen so oder so ihren Unterricht. Naja, vielleicht nicht gerade den Sportunterricht, aber so ziemlich in jeden anderen Fach! Sogar in Kunst und Musik müssen die Lehrer Inhalte auswählen und können dazu etwas erzählen – oder eben nicht. Sogar in den Naturwissenschaften können Lehrer durchscheinen lassen, dass die Natur ein unglaublicher Zufall ist – und grausam obendrein – oder dass die Evolution doch erstaunlich komplex und stimmig ist – viel zu komplex, als dass man noch an einen Zufall glauben könnte. Usw. Ich kenne einen Fall, wo ein Schüler Religion abgewählt hat und Ethik bekam. Das war aber in keiner Weise wertneutral, sondern dezidiert atheistisch und materialistisch. Mit diesen Ideen ist sein Kopf jetzt voll, kein Denken mehr an Offenheit für andere Glaubensüberzeugungen oder Denkgebäude. Neutralität gibt es nicht.

    • Barbara Offermann

      und zum zweiten: das Kreuz. Ja, es ist ein Zeichen für den grausamen Tod Jesu, deshalb ist es ja auch lange nicht dargestellt worden. Deshalb war ja das Erkennungszeichen der ersten Christen der Fisch und nicht das Kreuz. Wir haben heute mehr Abstand. Allerdings werden auch heute – wieder – Menschen gekreuzigt, es ist also nicht verkehrt, wenn wir uns die ursprüngliche Bedeutung klarmachen. Gott lässt uns im Leiden nicht allein, er geht mit uns bis zum bitteren Ende, das sagt das Kreuz.
      Nur: es ist eben auch das Symbol der Auferstehung. Wenn man ein Kreuz ohne Korpus sieht, dann bedeutet es: der geschundene Körper hat den Tod überwunden. Gott war stärker. Und das ist dann eine Frage des Hintergrundes. Wenn ich eine Kette mit einem kleinen Kreuz trage: woran will ich mich selber damit erinnern? Und was will ich damit aussagen? Mir persönlich geht es um die Auferstehung, und nichts anderes sieht man auch meinem Kreuz an. Auch die meisten Kreuze in Klassenzimmern und Gerichtssälen sind längst ohne Korpus. Symbole der Auferstehung, des Lebens und der Hoffnung. Wir müssen die Zeichen nur richtig deuten.

  • Mhm, also ich finde es gut, dass es eine prinzipielle Neutralität an Schulen (sofern sie staatlich sind) gibt. Die Neutralität bezieht sich ja nicht nur auf Religionen sondern auch auf politische Überzeugungen. Ein Lehrer darf auch keinen Parteibutton tragen, warum sollte man dann bei einem Kreuz, Kippa oder sonstigen Symbolen eine Ausnahme machen? Da man im Allgemeinen davon ausgehen kann, dass das Kreuz ein Symbol für das Christentum ist, fällt es unabhängig von der Größe in den Bereich eines religiösen Statements – und das ist an Schulen in staatlicher Trägerschaft nicht gestattet – folglich muss die Lehrerin es abnehmen oder eben unter dem Pulli tragen. Klar, die Lehrerin geht jetzt den „Weg des Fisches“ – aber muss das sein? Warum wird Religion nicht als das Betrachtet, was sie ist – nämlich als Privatsache? Als Lehrerin bekleidet sie eine mehr oder weniger öffentliche Position und dementsprechend kann doch Neutralität (in religiöser und parteipolitischer Hinsicht) in ihrem Job erwartet werden. Eine Wertevermittlung, die an Schulen auch stattfindet,muss ohne Religion und Politik (in Form von Parteinenbevorzugung), auf Basis des deutschen Grundgesetzes auskommen. Das ist sinnvoll, möglich und auch notwendig. Sicher, eine vollkommene Neutralität mag es vielleicht nicht geben, aber es ist ja nicht schädlich, im religiösen und politischen Bereich, dies zumindest zu versuchen… Das SchülerInnen in den entsprechenden Unterrichtsfächern über die bestimmten Ausrichtungen der verschiedenen Religionen und politischen Anschauungen etc informiert werden, ist in folgedessen natürlich wichtig und notwendig, damit sie ihre eigenen Schlüsse ziehen können – aber damit das möglich ist, bedarf es einer gewissen Neutralität des Lehrkörpers in dieser Hinsicht.

    • Barbara Offermann

      Danke, Isabelle, für diesen Kommentar. Ich glaube nicht, dass es Wertneutralität gibt. Ich beurteile viele Dinge anders als es jemand tut, der nicht an Gott glaubt oder an einen anderen Gott. Ich habe auch eine deutliche politische Überzeugung. Natürlich würde ich mich in den entsprechenden Situationen darum bemühen, Schüler nicht zu manipulieren oder zu indoktrinieren, aber es gibt immer wieder Momente, da schimmert meine Grundhaltung durch. Und dann finde ich es besser, wenn ich offen sagen darf, welche Haltung das ist. Ich bin liberal-konservative Christin. Die andere Lehrerin ist Muslima. Eine dritte ist Atheistin. Ich hatte in der Schule einen Geschichtslehrer, der offen für die Grünen warb, ein anderer war konservativ. Wenn wir alle das sagen und zeigen dürfen, liegen die Karten offen auf dem Tisch, und DAS nenne ich hinsichtlich der Religionen neutral: die Schule/der Staat erlaubt allen Religionen gleichermaßen, ihren Glauben zu praktizieren und auszudrücken. Keine Religion wird bevorzugt. Es bedeutet nicht, dass alle sich verstecken müssen, denn Religion ist gerade keine Privatsache, sondern von immenser Bedeutung für die gesamte Gesellschaft.
      Wenn wir Kindern heute überhaupt noch Werte vermitteln wollen, dann kommen wir um die Religion nicht herum. Und ich finde, wir sollten froh für alle Lehrer sein, die eine klare Überzeugung haben und bereit sind, sie auch zu vertreten. Wichtig ist, dass niemand den anderen dabei zu etwas zwingt oder überredet. Aber eine Gesellschaft, in der wir alle unsere Überzeugung verstecken müssen, finde ich furchtbar.

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