Sister auf der Suche nach wahrer Größe
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Frag doch mal… nach der Welt
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Neulich habe ich in der Mittagspause den Believe-O-Mat ausprobiert. Das ist eins von diesen launigen Spielchen auf Facebook, wo man ein paar Fragen beantwortet und dann einsortiert wird. Meist ist das ziemlich dämlich, aber manchmal auch genau der richtige Pausenlacher. Diesmal ging es – man ahnt es schon – um den Glauben: Finde Deine Religion! Nur 17 Fragen und wir sagen Dir, wohin du gehörst!

Nun weiß ich ja, welche Religion ich habe und will sie auch nicht wechseln. Der Witz ist: wonach fragt das Spiel, in welchen Kategorien denken seine Erfinder?

Um es vorweg zu nehmen: Meine Religion ist das Judentum. Also, nach Aussage des Believe-O-Mat. Mit über 50 %-iger Wahrscheinlichkeit. Nur wenig unwahrscheinlicher schien dem Spiel die Möglichkeit, der Islam sei meins. Erst an dritter Stelle schlug es mir das Christentum vor. Nur Hinduismus und Buddhismus kamen nicht wirklich in Frage. Wie konnte das nur passieren?

Es fing schon schlecht an mit den ersten beiden Fragen: „Trinken Sie gerne mal ein Bierchen?“ (Nein, igitt!) Und: „Essen Sie gerne Schweineschnitzel?“ (Sorry, bin Vegetarierin…)

Ich glaube, damit war ich schon tief in der (jüdisch-)muslimischen Ecke. Und so ging es weiter:

  • Gehören Sie lieber zur Minderheit oder zur Mehrheit?“ – Hmmm… Gegenfrage: gibt es irgendjemanden, der gerne zur Minderheit gehört?
  • Wie stehen Sie zu der Aussage: ‚Frauen müssen wirklich nicht überall dabei sein‘?“ – Ja, also ich persönlich kann gut auf Boxkämpfe und Fußballstadien und den Besuch im Puff verzichten, aber ich glaube, so war das jetzt nicht gemeint.
  • Finden Sie Homosexualität komisch?“ – Ist das echt immer noch eine Frage der Religion? In meinem Umfeld ist das eine Frage der Generation.
  • Haben Sie Angst vor Feuer?“ – nö
  • Mögen Sie Bärte?“ – Ja, total, vor allem Dreitagebärte. Ich finde, das gibt einem Männergesicht viel mehr Charakter. … oder hab ich die Frage jetzt schon wieder missverstanden?
  • Wie viele Götter wollen Sie?“ – Ja, also, ich wusste nicht, dass man sich das aussuchen kann. Kann ich mal die Auslage im Schaufenster sehen?
  • Finden Sie Jungfrauen attraktiv?“ – Äh… eigentlich finde ich eher Männer attraktiv, aber wenn überhaupt – kommt auf die Jungfrau an, es gibt solche und solche, oder nicht?
  • Welcher Wochentag passt Ihnen am besten?“ – Samstag, klar, denn am Sonntag geh ich in die Kirche.
  • Wandern Sie gerne?“ – äh, ja??? Das fragt ihr jetzt aber wegen der Werbung für das Wanderequipment, mit der Religion hat das nix zu tun, oder?
  • Sollten Männer mehrere Frauen haben können?“ und „Sollten Frauen mehrere Männer haben können?“ – mmh, ich sag lieber nich, dass ich zölibatär lebe und von diesen ganzen offenen Dreiecksbeziehungen keine Ahnung habe…
  • Sind Sie beim Essen wählerisch?“ – Sowas gab’s bei uns zu Hause nicht, da wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Aber heutzutage die jungen Leute essen ja nur noch Pommes mit Ketchup…
  • Wie lange können Sie auf Süßigkeiten verzichten?“ – Eigentlich gar nicht, aber politisch korrekt ist hier „40 Tage“, na ja, und das geht ja einmal im Jahr auch…
  • Tragen Sie gerne was auf dem Kopf?“ – Gerne ist übertrieben, der Schleier ist schon manchmal lästig. Aber doch, eigentlich ja. – Moment! Jetzt bin ich schon wieder weiter in die Judentum/Islam-Ecke gerutscht, oder?
  • Brauchen Sie ein Kündigungsrecht?“ – Ich persönlich jetzt nicht, aber ansonsten braucht jeder Arbeitnehmer Tarifverträge, in denen auch die Kündigung geregelt ist. Ob die das wohl meinen? Ich fürchte nein…

Abgesehen vom Spaß hat mir dieses Spiel mal wieder gezeigt, wie unsere Gesellschaft Religion sieht. Da geht es naturgemäß vor allem um Äußerlichkeiten: Kleidung, Speisevorschriften, Moral, Rituale, heiliger Wochentag (hätte ich Sonntag angeklickt, wäre ich im Christentum gelandet!!!).

Die einzige (!) Frage, die wirklich mit dem Glauben zu tun hatte, war die nach der Anzahl der Götter. Und die – mit Verlaub – ist nun wirklich ein sehr grobes Raster. Ganz davon zu schweigen, dass kein Gläubiger ernsthaft behaupten würde, die Anzahl der Götter hinge von seinem Willen ab. Das kann nur jemand schreiben, der das alles ohnehin für Einbildung hält.

Schade. Ich kenne viele Menschen, die in ihrem Glauben längst über diese Äußerlichkeiten hinweg sind. Sie sind mehr in die Tiefe gegangen, erforschen und erfassen dort mehr und mehr den wahren Kern ihrer jeweiligen Religion. Das gibt ihnen eine große Offenheit für den Dialog mit Menschen anderer Überzeugungen. Aber solange wir in unserer Gesellschaft über Bärte statt über Barmherzigkeit reden, werden wir nicht zueinander finden.

4 Kommentare

  1. Danke ich musste gerade herzlich lachen! You Made my day!
    Ich erwähne das am Sonntag Mal auf dem Blog ☺

  2. „In meinem Umfeld ist das eine Frage der Generation.“

    Ich weiß nicht, ob das so stimmt. Jedenfalls habe ich in meiner Schulzeit häufiger Leute getroffen, die etwas gegen gleichgeschlechtlich Liebende hatten, und das waren dann irgendwie immer die, die sich als Christen identifizierten.

    • Naja, in meiner Schulzeit war das auch noch anders. Aber erstens ist das so unglaublich lange her, dass ich gar nicht anfangen will, die genaue Jahreszahl auszurechnen, und zweitens kannte ich damals keine Nichtchristen. höchstens laue Christen und engagierte Christen und Taufscheinchristen.

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