Das Gute im Schlechten – Teil drei
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Traumauto
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Ich weiß, es haben schon Klügere die Verschwörungstheorien kommentiert, die Erzbischof Vigano vor wenigen Tagen veröffentlicht hat. Ich weiß, es sind nur eine knappes Dutzend Bischöfe, die sein krudes Manifest unterschrieben haben, die meisten im Ruhestand oder vom Papst mit Lehrverbot belegt, weil sie sich schon früher in untragbarer Weise geäußert haben. Trotzdem möchte ich zu dieser Sache auch etwas äußern, denn ich fühle mich persönlich betroffen.

Ich bin als Seelsorgerin nur ein kleines Licht. Halbe Stelle in einer normalen, schönen Pfarrei, nix Besonderes. Umso mehr habe ich die Hilflosigkeit gespürt, als plötzlich alles anders wurde. Plötzlich keine Gottesdienste mehr, Ostern ohne gemeinsames Halleluja! Kirchliches Leben und Seelsorge, wie wir sie kannten – plötzlich kaltgestellt. Da sind wir kreativ geworden. Wir haben andere Wege gesucht und gefunden, die Menschen zu erreichen, ihnen beizustehen in dieser schwierigen Zeit und auch Gottesdienst zu feiern. Dabei haben wir bestimmt Fehler gemacht und sicher wäre mehr nötig gewesen, aber wir haben unser Möglichstes getan. Vor allem meine Kollegen, die beerdigen oder die Sakramente in die Altenheime und Krankenhäuser bringen, haben die volle Wucht an menschlichem Leid abbekommen. Ich beneide sie nicht und auch nicht diejenigen, die jetzt ständig unangenehme Entscheidungen treffen und den Laden zusammenhalten müssen. Nein, es ist für uns alle nicht einfach, aber zusammen haben wir es bis hierher eigentlich ganz gut geschafft, finde ich: in Deutschland insgesamt und auch in unserer Kirche.

Und jetzt? Kommt da so eine Handvoll Bischöfe und verbreitet wirre Ideen. Als wären wir nicht gerade jetzt auf eine kluge und umsichtige Führungsspitze angewiesen. Die Menschen an der Basis brauchen jetzt Verständnis und Unterstützung in ihren Nöten und dazu jemanden, der umgekehrt bei ihnen um Verständnis wirbt für das, was wir ihnen immer noch an Einschränkungen auferlegen müssen. Einlasskontrollen in den Kirchen, markierte Plätze, kein Gemeindegesang im Gottesdienst, vieles wird noch lange nicht wieder normal laufen. Dafür gibt es gute Gründe, und die können wir den Menschen auch erklären – falls sie sie nicht schon längst kennen. Gemeinsam können wir uns langsam wieder in die Normalität zurücktasten. Aber im Moment kennt keiner den einen einzigen und absolut richtigen Weg, auch in unseren Pfarreien nicht. Die einen sind ungeduldig, leiden unter der Situation und wollen so schnell wie möglich wieder Normalität, die anderen haben Angst vor der zweiten Infektionswelle (die ja wohl defintiv irgendwann kommen wird) und möchten möglichst vorsichtig und langsam vorgehen.Umso mehr bleiben wir darauf angewiesen, einander mitzunehmen und zu erklären, was wir tun.

Was wir aber gar nicht brauchen können, sind Menschen, die aus sicherer Entfernung (um nicht zu sagen aus dem Hinterhalt heraus) Unruhe stiften und Menschen verunsichern. Wer jetzt erzählt, die Kirche sei hinsichtlich ihrer Gottesdienste und der Art und Weise der Sakramentenspendung völlig autonom und müsse sich vom Staat keine Vorschriften machen lassen, handelt unverantwortlich. Jetzt ist keine Zeit für einen Kulturkampf. Hilfreicher sind die Seelsorger, die es vermögen, den Gläubigen ihre Skrupel zu nehmen, wenn diese bestimmte Frömmigkeitsformen für alternativlos halten und durch die neuen Regeln in echte Gewissensnöte geraten. Die Sonntagspflicht ist ausgesetzt, d.h. ganz konkret: wenn Du zur Risikogruppe gehörst, ist es vernünftig, zu Hause zu bleiben! Und Mundkommunion ist momentan nicht möglich – aber ob du die Kommunion ehrfürchtig empfängst oder nicht, liegt nicht an der Form, sondern an Deiner inneren Haltung. – So in der Art.

Hilfreich sind die Bischöfe, die zur Kreativität und zum Experimentieren ermutigen: wenn normale Gottesdienste nicht möglich sind, dann schaut, was im Internet möglich ist! Und wie könnt ihr die Menschen sonst erreichen? Innenhofgottesdienste? Hausgottesdienste? Ostertüten, Hoffnungskarten an der Wäscheleine, offene Kirchen, Osterflashmop… Probiert es einfach aus!

Es ist in unserer Kirche viel Gutes passiert in den vergangenen Wochen. Aber diesen Aufruf, den hätten sich Vigano, Müller und Co einfach sparen können.

1 Kommentar

  1. Avatar Christ343 sagt:

    Die Kirche muss charismatisch erneuert werden. Mehr dazu auf meiner Internetseite (bitte auf meinen Nick-Namen klicken).

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