Meine Kirche?
18. Dezember 2020

Frauen dürfen künftig als Lektorinnen und Akolythinnen beauftragt werden. Als ich das auf katholisch.de gelesen habe, konnte ich die Überschrift zuerst nicht verstehen. Ich bin seit über 50 Jahren katholisch und kann mich an eine Kirche ohne Lektorinnen nicht erinnern. Ob Frauen Kommunion austeilen durften, als ich Kind war, weiß ich nicht, das waren Feinheiten, die mich damals nicht interessiert haben. Aber Messdienerinnen hatten wir immer, ich war selber eine – wenn auch eher genötigt. Frauen hatten in meiner Kirche immer ihren festen Platz und auch ihren Auftrag.

So wie mir geht es wahrscheinlich vielen deutschen Katholik/innen: das Kirchenrecht wird verändert, aber wir verstehen nicht, was daran so revolutionär sein soll – weil wir in der deutschen Kirche schon lange alle Möglichkeiten nutzen, vorübergehende Beauftragungen auszusprechen. Doch es passiert mit dem neuen motu proprio des Papstes in der Tat etwas Neues, im Grunde geht es um die Frage der Weihe. (Genaueres z.B. bei Radio Vatikan) Und prompt lese ich in den Kommentaren “wenn das die Reformen der Kirche sind, kann sie einpacken”!

Ja, natürlich: wer schon seit Jahrzehnten Lektorin und Kommunionhelferin ist und vielleicht auf die Priesterweihe für Frauen hofft, dem muss die Veränderung mickrig vorkommen. Ist sie aber nicht!

Ich merke das, wenn ich an meine lettische Zeit zurückdenke. Ich war nur drei Jahre in Lettland, aber ich habe dort gelernt, unsere Kirche mit anderen Augen zu sehen. Dort gibt es eben keine Messdienerinnen. Frauen dürfen als Lektorin beauftragt werden, aber Akolythin? Dann dürften sie ja Kommunion austeilen, Krankenkommunion spenden, sogar liturgische Feiern leiten. All das geht in Lettland nicht. Gar nicht. Sogar in unserer Klosterkapelle haben wir den Tabernakel so gestaltet, dass man ihn zur Anbetung nur zu öffnen braucht. Denn keine Frau, auch keine Ordensfrau, darf das Allerheiligste aus dem Tabernakel nehmen und auf den Altar stellen. Als Akolythin dürfte sie es.

Ich bin auf facebook in einer Gruppe lettischer Katholiken. Ihre Diskussion des Papstschreibens zeigt deutlich, wie anders diese Kirche tickt. Manche Mitglieder schreiben, das sei alles nicht neu, das gebe es in anderen Ländern schon. Aber die Antwort ist kein empörtes “Und warum nicht bei uns?” Eher kommen Äußerungen, das sei ja gut, aber die Kommunion von einer Frau zu empfangen, sei doch auch speziell. Eine besondere Frage ist der Segen: bei uns ist das nur bei Kindern üblich, aber in Lettland gehen auch Erwachsene, wenn sie nicht kommunizieren wollen, mit nach vorne und werden dort vom Priester gesegnet. Die Vorstellung, dass diesen Segen dann auch Frauen spenden könnten, war manchen in der Gruppe nicht ganz geheuer. Dabei sind die Meinungen durchaus ambivalent: “nicht geheuer” meint hier nicht unbedingt etwas Schlechtes. Aber es ist klar, dass es bei der Kommunion und diesem Segen um etwas wirklich Großes geht.

Ich bin unendlich dankbar, dass ich in Lettland lernen durfte, was Ehrfurcht ist. Lettische Christen haben noch das Bewusstsein, dass sie es in der Kirche mit etwas Erhabenem zu tun haben. Dieses Gefühl ist uns in Deutschland vielerorts verlorengegangen. Damit will ich nicht die lettische Kirche glorifizieren oder die deutsche schlecht machen, auf keinen Fall! Als ich nach Lettland ging, dachte ich “Die spinnen, die Letten!”, als ich nach Deutschland zurückkam, dachte ich “Die spinnen, die Deutschen!”

Was bleibt, ist ein ziemlich banales Fazit: die katholische Kirche besteht aus so vielen und so unterschiedlichen Nationalkirchen! Bevor jemand Forderungen erhebt und sich empört und daran aufreibt, dass sie immer noch nicht erfüllt sind, lohnt oft ein Blick ins Nachbarland (Lettland gehört immerhin zu Europa, ich war nur 1.000 km weg). Vielleicht sind die Katholiken da auch empört – aber aus den gegenteiligen Gründen…

Kommentar verfassen