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Wie alle neuen Kinder bei uns, so werden auch die syrischen mit Stofftieren begrüßt - als kleiner Trost in der Fremde.

Es heißt, die Stimmung kippe. Allmählich werden den Deutschen die vielen Flüchtlinge doch unheimlich. Da scheint es mir an der Zeit, einmal von „unseren“ Flüchtlingen zu erzählen. In unserem Kloster in Bergisch Gladbach wohnt nämlich seit einiger Zeit eine syrische Familie.

Die Schwestern dort hatten sich an ein altes Wort des Hl. Dominikus erinnert. Der hatte während einer Hungersnot mal gesagt: „Ich kann doch nicht über toten Häuten studieren (das waren die Tierhäute, aus denen das Pergament seiner Bücher gemacht war), während rings um mich her die Menschen hungern!“ Und er verkaufte sein kostbares Studienmaterial, um den Notleidenden zu helfen. Daran mussten die Schwestern jetzt denken, als sie von den Flüchtlingen sahen und hörten. Sie rückten innerhalb des Hauses so zusammen, dass einige Räume frei wurden, die zwar im Kloster liegen, aber zu den Räumen der Schwestern hin abzuschließen sind und einen eigenen Ausgang nach draußen haben. Zusätzlich zur normalen Einrichtung setzten sie auf jedes Kinderbett (wie wir es auch bei neuen Kinderdorfkindern machen) zum Empfang ein Stofftier – als kleinen Trost in der Fremde.

Als die Familie dann kam, waren alle angenehm überrascht. Man weiß ja nicht, wer kommt, etwas angespannt waren die Schwestern vorher schon. Und dann: so freundliche Leute! Ich habe sie auf unserem Herbstfest kennengelernt. Auf Englisch konnten wir uns ein bisschen verständigen. Nur waren sie sehr zurückhaltend. So viel Trubel und alles fremd – und immer darauf angewiesen, dass jemand ihnen hilft, sich zurecht zu finden. Irgendwann hatten wir dann alle eine Pommes und eine halbe Bierbank in der Sonne. Und wie die beiden Kinder so glücklich mampften und wir etwas unbeholfen Konversation machten, da entspannten sich auch die Eltern allmählich.

Ich hätte sie so gerne so vieles gefragt, aber das ging natürlich nicht.

Später haben wir uns aus den Augen verloren, und irgendwann sah ich die Mutter mit den Kleinen an der Hüpfburg. Da lächelte sie mir so glücklich zu, dass ich dachte: das ist es. Das will doch jede Mutter. Einfach einen Ort, wo sie für ihre Kinder sorgen kann, wo sie satt werden und in Frieden spielen können.

Inzwischen haben die Schwestern einen ehrenamtlichen Deutschlehrer besorgt, der den Eltern die Geschäfte, die Post usw. zeigt, so dass sie wohl auch bald Deutsch lernen werden. Im nächsten Schuljahr werden die Kinder auch Kitaplätze haben. Der Vater bräuchte dringend Arbeit, möchte helfen, irgendetwas tun.

Wenn ich von Massenprügeleien in den riesigen Flüchtlingsunterkünften höre, dann denke ich an „unsere“ Familie. All diese Tausende von (politischen) Flüchtlingen kommen zu uns, weil sie Sicherheit und Frieden suchen. In den Massenunterkünften kommen sie nicht zur Ruhe. All die jungen Männer, die nichts Sinnvolles tun dürfen und den ganzen Tag eng aufeinander hocken, müssen ja aggressiv werden. Aber eigentlich möchten sie alle in Frieden leben, so wie unsere vier. Dann spielt auch die Religion keine Rolle mehr.

Ach ja, „unsere“ Syrer sind übrigens Moslems. In unserem Kinderdorf leben weit über 100 Personen: Kinder, Jugendliche, Mitarbeiter und Schwestern. Bisher war ein Moslem darunter, jetzt sind es also fünf. Damit sind wir bei einem ähnlichen Prozentsatz an Muslimen angekommen wie wir ihn in der Gesamtbevölkerung haben: 4-5%. Schaffen wir es wohl, sie zu integrieren?

4 Kommentare

  1. Monika Himsl sagt:

    Tolle Aufnahme! Ich finde das großartig. Jetzt können sie sich erst mal in Ruhe von den Strapazen der Flucht erholen, und sich vielleicht irgendwie auch mit Arbeit integrieren. Man kann wunderbar beim Arbeiten auch Drutsch lernen….

  2. Anton Brudy sagt:

    Die Aggressivität ist erklärbar, aber nicht entschuldbar. Wir alle müssen für unser Tun Rechenschaft ablegen. Noch eine Frage: Geben Ihnen die Männer die Hand und grüssen Sie oder betrachten sie Frauen auch als unrein?

    • Ich konnte mich mit dem Vater unserer Flüchtlingsfamilie nicht unterhalten, deshalb kenne ich seine Einstellung zu Frauen nicht. Sein Verhalten war freundlich, fast schüchtern.
      Inzwischen wohnen in einem unserer anderen Kinderdörfer weitere muslimische Flüchtlinge. Hier konnte ich deutlich Unterschiede ausmachen. Einer zögerte, mir die Hand zu geben, hat es dann aber getan. Die anderen waren wesentlich aufgeschlossener.
      Selbstverständlich haben wir uns begrüßt und verabschiedet: wir sind die Gastgeber, sie sind die Gäste.

  3. Anton Brudy sagt:

    Genau, das habe ich zwischenzeitlich auch herausbekommen: Es liegt am Menschen und nicht am Glauben, wie ich mit so einer Situation umgehe. (Frauen die Hand geben u.a.)

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