Von Ehren und Würden

Neulich hatte ich einen Mailwechsel mit einem sehr freundlichen Herrn aus der Schweiz. Er schrieb mich mit dem früher selbstverständlichen „Ehrwürdige Schwester“ an. Das höre ich nicht so gerne, daher antwortete ich wie üblich, er möge mir bitte den Gefallen tun und eine andere Anrede wählen. Meine Standardbegründung ist ein Zitat, dass sich im Neuen Testament zweimal findet, im Lukasevangelium, Kapitel 18 und im Markusevangelium, Kapitel 10:

Es kam ein Mann zu Jesus und fragt: „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Jesus antwortet: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.“

Wenn nicht mal Jesus sich „gut“ nennen lassen wollte, wie könnte ich mich „ehrwürdig“ nennen lassen? Mein Mailpartner reagierte zunächst freundlich, machte sich dann aber so seine Gedanken und veröffentlichte sie in seinem Blog. Darin schreibt er von der Würde, die jeder Christ durch die Taufe hat und die wir uns mehr bewusst machen sollten. Ich bin ganz seiner Meinung. Man könnte noch einen Satz zur allgemeinen Menschenwürde ergänzen: heute gibt es einen breiten Konsens darüber, dass alle Menschen, ob sie getauft sind oder nicht, eine unveräußerliche Würde haben. Dieser Gedanke hat seinen Ursprung in der jüdisch-christlichen Vorstellung der Gottebenbildlichkeit des Menschen.

Mein Schweizer Bloggerkollege leitet aus dieser Würde des Menschen ab, dass auch die Würde eines Amtes wieder mehr Beachtung finden sollte. „Würde ist Bürde.“ Im Prinzip habe ich gar nichts dagegen, wenn gewürdigt wird, was einer tut und welche Verantwortung einer trägt. Nur finde ich, dabei sollten wir keine allzu großen Unterschiede machen, ganz sicher nicht unter uns Christen. Natürlich haben wir unterschiedliche Aufgaben und tragen unterschiedlich große Lasten. Aber wir alle sind Brüder und Schwestern, Kinder eines Vaters und als solche gleichermaßen ehrwürdig.

Bild: Karl-Michael Soemer@pixelio.de

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