Urlaub
31. Juli 2018

Zur Zeit mache ich Urlaub auf Balkonien. Es ist ein schöner, wenngleich wenig genutzter Balkon. Seinen besonderen Reiz macht eine üppig wuchernde und zur Zeit verschwenderisch blühende Glyzinie aus. Jedes Jahr, wenn ich hierher komme, freue ich mich darauf, in ihrem Schatten zu sitzen und die Hummeln bei ihrer emsigen Geschäftigkeit zu beobachten.

In diesem Jahr gab es eine Enttäuschung: Die Glyzinie hat Läuse!

Noch bevor ich mir Rat holen konnte, was man da so sprühen kann, war klar: zunächst mal muss ich schneiden. Das hat mir zuerst leid getan, aber es hat ja keinen Zweck: wenn ein Zweig über und über voller Läuse ist, nützt es nichts, dass er schöne Blüten hat. Er wird die anderen anstecken. Er muss weg!

Dabei kam mir ein Bildwort aus dem Neuen Testament in den Sinn, genauer gesagt aus dem Johannesevangelium, Kapitel 15, das ich nie richtig verstanden habe. Jesus vergleicht sich mit dem Weinstock und uns, seine Jünger/innen, mit den Reben. Er sagt: „Mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.“

Das mit dem Reinigen leuchtet mir noch ein. Aber dass Reben abgeschnitten werden, fand ich immer schon schrecklich. Heute habe ich es dann ganz praktisch erlebt: ein kranker, von den Läusen befallener Zweig taugt einfach nicht mehr. Er wird keine Blüte mehr hervorbringen sondern raubt der Pflanze nur Kraft, weg damit. Als Gärtner überlegt man da nicht zweimal.

Aber ist Gott wirklich so? Bekämpft er unsere „Läuse“ mit der Schere? Ist das nicht grausam? Was ist mit einer zweiten Chance, die gibt es in den Erzählungen Jesu sonst doch auch immer wieder.

Wie ich da so auf meinem Balkon sitze und Ruhe habe merke ich: es geht in diesem Bild ja nicht um die ewige Verdammnis oder das Endgericht, es geht auch nicht um Sünde und Schuld. Es geht ums Fruchtbringen für das Reich Gottes. Die einen bringen als Anhänger Jesu Frucht, die anderen nicht. Dabei sind es viele Früchte, die wir hervorbringen können, es müssen nicht gleich die großen Missionswerke sein. Jede/r von uns baut täglich am Reich Gottes weiter und bringt Frucht, indem er oder sie Freundlichkeit und Geduld zeigt, den Frieden und die Freude um sich vermehrt, die Schwachen stärkt, die Ängstlichen ermutigt usw.. Und da gefällt mir das Bild mit den verlausten Zweigen plötzlich doch, denn ich kenne Menschen, die in diesem Sinn keine Frucht bringen. Das ist zunächst mal nicht unbedingt schlimm. Es stellt sich höchstens die Frage, ob es sich dann wirklich noch um Jünger Jesu handelt. Aber manchmal besteht durchaus „Ansteckungsgefahr“.

Auf Facebook treffe ich immer wieder solche Typen. Ich blockiere nicht gerne, weil ich nicht in einem Echoraum landen will, wo mir alle nur noch bestätigen, was ich eh schon denke. Deshalb bleibe ich möglichst lange im Gespräch – auch mit Menschen, die rumstänkern. Aber es gibt einen Punkt, da merke ich, dass die „Läuse“ auf meinen Zweig überspringen. Wenn ich meine Gelassenheit oder meine Zuversicht verliere, weil mein Gegenüber in seiner Aggressivität nicht nachlässt, dann wird es Zeit, den Kontakt zu beenden – damit ich weiter Frucht bringen kann.

Ich lehne mich in meinem Liegestuhl zurück, ein Glas Eistee in der Hand. So hat Jesus das also gemeint! Wenn ich seine Jüngerin sein will, muss ich aufpassen, dass ich nicht den touch verliere. Wird gemacht. Dann kann ich ja beruhigt weiter den Hummeln zusehen – und meinen Freunden, den Marienkäfern. Übrigens: ein Marienkäfer frisst täglich bis zu 100 Blattläuse. Das finde ich toll.

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