Sister startet in den Advent
1. Dezember 2019

Heute musste ich kurz zur Post. Das sind zwei Kilometer, keine große Sache. Normalerweise mache ich das mit dem Rad, Auto ist viel zu umständlich und teuer, Umwelt und so… Aber heute war es kalt und nass, ach, und irgendwie fand ich die Vorstellung, mich von meinem warmen Büro raus auf die kalte Straße begeben zu müssen, eher unsympathisch. Die Haare waren auch frisch gemacht – darauf jetzt den Helm? Na, super! Mit dem Auto wär das alles kein Problem… Überhaupt: was soll das mit dem Klimaschutz, solange die USA nicht mitziehen? Und hat mal jemand nach China gefragt? Wer produziert denn hier das meiste CO2? Ich doch nicht!

Naja, ich hab mich dann doch überwunden und das Rad genommen. Hatte keinen Zeitdruck, konnte gemütlich vor mich hin strampeln. Obwohl noch recht früh am Nachmittag, war doch erstaunlich viel Verkehr, fast schon „rushhour“ – wenn man das in unserem verschlafenen Ort so nennen darf. Jedenfalls war ich froh, dass es einen gut ausgebauten Fahrradweg neben der Straße gibt. Sobald sich die Autos stauen, radele ich langsam aber stetig rechts an der Schlange vorbei. Schönes Gefühl. Das erste Mal an einer kleinen Kreuzung mit Fußgängerampel. Ich hab sie kaum erreicht, da wird es grün, die Autos setzen sich langsam in Bewegung, bald werden mich alle Überholten wieder eingeholt haben. Da höre ich hinter mir einen Motor aufheulen. Ich denke: „Junge, mach doch keinen Stress. Es geht ja gleich weiter, aber es ist halt voll.“ Langsam zieht die Kolonne an mir vorüber, jetzt kann ich auch den Krachmacher sehen. Es tut mir leid ein Klischee zu bedienen, aber es war ein BMW. Er gibt noch einmal mehr Gas als nötig – vielleicht hat es ihn in seiner Ehre gekränkt, dass ihn ein Fahrrad überholt hat. Vielleicht ist er auch frustriert, dass es immer noch so langsam voran geht.

Ah, endlich können die Autos etwas schneller fahren. Gleich, an der nächsten großen Kreuzung ist er bestimmt weg. „Jetzt müsste die Ampel rot werden“ denke ich – und schäme mich überhaupt nicht dabei. Ich meine, nicht dass ich dem guten Mann nicht gönne ans Ziel zu kommen. Aber, naja, irgendwann muss diese Ampel ja wieder erröten, und dann könnte sie das doch so tun, dass ich den BMW noch einmal einhole, oder?

Was soll ich sagen? Die Ampel hat mir den Gefallen getan. Zack! Rot. Der BMW war sogar erst der dritte in der Reihe. Und ich konnte ganz gemütlich an ihm vorbeirollen. Bis ich dann kurz nach der Kreuzung rechts in die Fußgängerzone abbiegen musste, hat er mich nicht mehr eingeholt. Auf einmal hatte ich hervorragende Laune, und auf dem Rückweg habe ich nicht mehr ans Klima gedacht, sondern nur noch daran, wieviele Kalorien ich verbrannt und wie toll ich meine Abwehrkräfte gestärkt habe.

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