Passionssonntag

Heute ist der fünfte Fastensonntag, auch Passionssonntag. Ab heute werden traditionell die Kreuze in den Kirchen verhüllt – bis Karfreitag. Ich mag es, dass wir eine kurze Zeit lang unsere Kreuze nicht sehen. Danach haben wir wieder einen neuen Blick darauf. Es ist ja so, dass man etwas ständig vor Augen haben und trotzdem nicht sehen kann.

Im heutigen Evangelium wird eine Ehebrecherin zu Jesus geschleppt, er soll über sie urteilen. Die Frau wird in die Mitte gestellt – aber eigentlich geht es gar nicht um sie. Die Männer, die sie anklagen, suchen eigentlich einen Vorwand, Jesus anklagen zu können: wenn er sich an das Gesetz hält und die Frau zum Tod verurteilt, wird er bei seinen Anhängern unglaubwürdig. Wenn er so barmherzig ist, wie er sonst redet, muss er gegen das Gesetz verstoßen. Was wird er tun?

Die arme Frau, um deren Leben es geht, interessiert die Männer eigentlich nicht wirklich. Sie instrumentalisieren sie. Jesus dagegen spricht mit ihr, nicht über sie.

Gibt es das in meinem Leben auch, dass ich Menschen benutze? Dass ich über andere rede, um etwas zu erreichen? Es muss ja nicht gleich um Leben und Tod gehen.

Wenn wir jetzt unsere Kreuze nicht sehen, kann uns das auch anregen, darüber nachzudenken, welchen Platz wir Jesus in unserem Leben geben. Steht er in der Mitte? Oder am Rand? Und wenn wir bei ihm sind und mit ihm reden, geht es uns dann wirklich um ihn? Oder ist er uns nur ein Mittel für einen ganz anderen Zweck?

1 Comment


  • Sehr treffend, diese Analyse unserer heutigen Situation, unserer persönlichen wie derjenigen unserer Kirche. Um was geht es uns. Geht es uns um Gott, um Christus und die Erlösung aller durch sein Kreuz, oder geht es im Endeffekt einfach um uns, um das, was wir für uns und alle anderen für richtig finden? Steht Gott im Zentrum von allem oder der Mensch oder vielleicht nur ich? „Das grundlegendste Angebot der Kirche ist die Möglichkeit der Umkehr.“ hat einmal ein Aphoristiker geschrieben. Verkünden und nutzen wir dieses Angebot überhaupt noch?

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